Sturmwind & Drachenatem
Sturmwind & Drachenatem
„An jenem Tage, an dem die Flammen der Drachen erloschen, erhob sich der Sturm. Der Feind war noch mächtiger geworden.“
- klassische High Fantasy
- Liebesgeschichte im Nebenplot
- Sturmdrachen statt Feuer
- Einzelband
- ohne Spice
- ohne Schule / Akademie / Drachenreiter
- empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre
"Es ist möglich, Dinge zu verändern, wenn man den Mut dazu aufbringt. Bedauerlicherweise gehört es meist dazu, dass diese Veränderung nicht alle wünschen."
Klappentext
„An jenem Tage, an dem die Flammen der Drachen erloschen, erhob sich der Sturm. Der Feind war noch mächtiger geworden.“
Es geht die Sage um, im heiligen Schrein befände sich ein verfluchtes Drachenei, das aus Akis O’luja stammt. Der Insel, gelegen im Auge des Hurrikans und Heimat der Sturmdrachen. Der junge Grinskog glaubt nicht an Sagen. Er verurteilt das Töten der Drachen und sucht nach einem Ausweg aus einem Leben voller Leid. Da spielt das Schicksal ihm ein geheimnisvolles Artefakt in die Hände, was ihn lehren wird, dass Legenden nicht nur Hirngespinste sind.
Maloja lebt auf der Isla Vatra, wo ihr die Ausbildung zur Drachenjägerin verwehrt wird. Regelmäßig überfallen Sturmdrachen ihre Heimat und die Erzkönigin tut alles, um ihr Volk zu schützen. In einem der Drachenstürme will Maloja ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Doch als sie einen Drachen verletzt, anstatt ihn zu töten, geschieht etwas Sonderbares. Und sie bekommt zu spüren, wie schmal der Grat zwischen Treue und Verrat sein kann.
Leseprobe
Prolog
An jenem Tage, an dem die Flammen der Drachen erloschen, erhob sich der Sturm.
Vergilbte Schriften der alten Vatrari zeugen von der Wahrheit einer Legende. So steht es handgeschrieben in den historischen Aufzeichnungen des zweiten Schriftgelehrten Conri, dass vor über einhundert Jahren noch feuerspeiende Drachen die Isla Vatra heimsuchten.
„... Solch eine übermächtige Herrschaft der Drachen war ermöglicht durch elendigen Verrat der Drachenzungen, welche die Drachen gegen ihr eigenes Volk aufwiegelten und die Vatrari spalteten. Ihr Einmischen in das Gefüge der Völker setzte etwas in Gang, das in einem großen Krieg münden sollte ...“
Und einige Seiten weiter heißt es, mit halb verblichenen Buchstaben gerade noch zu entziffern:
„... Die Flammen der speienden Drachen verbrannten sämtliche Wälder, zerfraßen die Städte und verkohlten die Erde der Insel. Ihre Feuersbrunst und der giftige Rauch töteten die Hälfte der Vatrari, ihre Viehherden und verwandelten den Schnee in schwarze Asche.
Mit einem Mut, geboren aus Zorn, setzten sich die Vatrari zur Wehr. Die Erzkönigin ließ die stärksten Krieger und Kriegerinnen des Landes zusammenrufen und zu Drachenjägern ausbilden, den Cassadori. Sie sollten ihre Heimat schützen und den Feind vernichten. Zur Unterstützung eilten die Schiffe der Skálaeren aus dem Osten heran, und gemeinsam bekämpften sie als ein vereinigtes Heer der Menschen die Feuerdrachen über der Uragansee. Nach einer langen kräftezehrenden Schlacht gelang es ihnen, die Drachen allesamt zu vernichten.
Doch das Auslöschen der Feuerdrachen beschwor einen neuen Feind herauf. Die besiegten Drachen stürzten ins Meer. Ihre heißen Körper erwärmten das Wasser des Ozeans zu stark und nach wenigen Tagen braute sich ein gigantischer Hurrikan zusammen. Er zog die leblosen Körper aus dem Meer und hauchte ihnen neues Leben ein. Ihre Flammen waren erloschen, doch nun trugen sie die Stürme in die Welt hinaus. Und die Menschen, die ohnehin fast alles verloren hatten, mussten erneut um ihre Existenz bangen. Der Feind war noch mächtiger geworden.“
– aus Geschichte der Isla Vatra, B. F. Conri, II SG Ihrer Majestät der Erzkönigin, 287. Jahr der Vatrari in der 2. Ära
1
Isla Vatra
- Erzkönigin -
Nur mühsam zwang sie ihren Atem zur Ruhe und ihren Körper Haltung zu bewahren. Rasende Wut pochte in ihrer Brust. Diese nahm sie ein wie eine große dunkle Wolke, die sie von innen gefangen hielt. Anders konnte sie dieses Gefühl nicht beschreiben, das sie so sehr beherrschte und sie fühlen ließ, als wäre sie besessen.
Blut besprenkelte ihr Kleid bis zum Knie mit feinen Pünktchen, als hätte ein Maler den Farbpinsel zu nah an sie herangeschwenkt.
„Verschwindet von hier! Alle!“, schrie sie mit hoher Stimme. Ihr schrilles Echo hallte von den kalten marmornen Wänden wieder. Die drei Zeremonienmeister und die Torian folgten ihrer Anweisung und verließen zügig und geordnet den Saal, sodass das Krachen der gewaltigen Eingangstür noch das letzte Echo unterbrach.
Einer blieb.
Sie wusste, dass er dort stand. Links neben der gewaltigen steinernen Tür, die so hoch war, dass sie kaum mehr Platz für ein Stückchen Wand zwischen sich und der Saaldecke ließ. Vielleicht wirkte es von hier unten auch nur so, weil sie sich so weit nach oben zog. Wer konnte das schon wissen.
Ungerührt stand der Mann neben der Tür, als hätte er ein Recht auf diesen Platz, obwohl sie alle hinausgeworfen hatte. Mit alle fühlte er sich allerdings nicht angesprochen. Er war nicht alle.
Er war der Praetor der Erzkönigin. Der Anführer ihrer Leibgarde.
Sie wusste, dass er da war. Sie sah ihn nicht an, sondern stolzierte im Kreis über den weißen, mit schwarzen sich schlängelnden Linien durchzogenen Marmorboden, nachdem dieser aufgehört hatte zu zittern. Als vollzöge sie damit ein Ritual, verteilte sie das frische Blut mit ihren Schuhen in Mustern zwischen den schwarzen Linien. Sie gab sich ungewöhnlich viel Mühe damit, als entwürfe sie ein Kunstwerk auf dem Boden. Für Laminea, die Erzkönigin, stellte das eine wirksame Methode dar, ihren Zorn zu kontrollieren und ihrem Drang nicht nachzugeben, zu schreien, irgendetwas zu Boden zu werfen und zu zerschmettern. Etwas, was laut zersprang und tiefe hässliche Furchen in den Marmor kratzte.
„Ihr habt Angst“, kam seine Stimme aus dem Hintergrund.
Warum machte sie sein Ausspruch nur noch wütender, fragte sie sich. Ihre innere Stimme gab ihr sogleich die Antwort darauf.
„Es ist nicht an dir, mir meine Gefühle aufzuzeigen!“, keifte sie ihn an. Konzentriert arbeitete sie weiter, strich sich die blonden Haarfransen aus dem Gesicht, die sich unter der glitzernden Krone gelöst hatten.
„Ihr habt mich zum Praetor und zu Eurem engsten Vertrauten gemacht, Eure Hoheit. Ihr müsste damit leben, dass ich Einblick in Eure geheimsten Gedanken und Gefühle bekomme“, erklärte er ungerührt.
„Wie dem auch sei“, antwortete sie, weiter ihre Runde drehend, als könnte sie die überschüssige Energie, welche die Wut ihr verlieh, auf diese Weise abbauen.
„Ihr hättet sie nicht so hart betrafen müssen, Majestät. Es waren Kinder.“
„Das Mädchen war kein Kind mehr“, widersprach sie.
„Aber der Junge.“
„Der Junge! Der Junge!“, rief sie verächtlich, als hätte er von einer Kakerlake gesprochen.
In ihrer übermäßigen Wut rutschte sie beinahe auf der Blutspur aus. Gerade noch rechtzeitig streckte sie die Arme zur Seite und fing sich wieder auf.
„Was weißt du schon, wer dieser Junge ist!“
„Ich weiß es nicht“, bestätigte er.
„Er ist der Spross eines Verräters, Raganir! Eines Mannes, der es gewagt hat, sich mit den Drachen gegen unser Volk zu verbünden. Einer Drachenzunge!“, sie spie dieses Wort so angeekelt in den Raum wie Galle. „Genau wie seine Mutter. Sie haben beide für ihren Verrat bezahlt.“
„Von was für einem Verrat sprecht Ihr? Woher wisst Ihr, dass dieser Junge ihr Sohn ist? Ihr habt nicht einmal nach seinem Namen gefragt.“
„Was spielt das für eine Rolle. Verrat ist Verrat – Geschichtsbücher lesen zählt nicht gerade zu deinen Stärken, nicht wahr? Ich weiß, dass der Junge ihr Sohn ist. Er sieht seinem Vater allzu ähnlich.“
„Was, wenn Ihr irrt?“ Seine Stimme blieb weiterhin so ruhig und sachlich, als frage er nach dem Wetter.
„Was soll dann sein? Nichts ist dann. Er hat seine Strafe erhalten. Aber ich bin mir sicher. Und nun kann er uns nicht mehr gefährlich werden.“ Sie würde keinen Zweifel an ihrem Urteilsvermögen zulassen. Tatsächlich empfand sie reine Gleichgültigkeit, sollte es jemand anderen als diesen einen Jungen getroffen haben. Unschuldig war er sicher nicht.
„Warum habt Ihr das Mädchen nicht so hart bestraft?“
„Sie hat ihre Strafe für ihr Vergehen bekommen. Ich bin keine Barbarin, Raganir. Die Strafe muss der Tat angemessen sein. Das versteht das Volk. Sie wissen genau, wie sie zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie etwas Verbotenes tun.“
„Das Mädchen ist also keine Tochter eines Verräters?“
Sie bliebt stehen, hörte auf, das Blut zu verteilen und sah ihn scharf an.
„Was willst du damit sagen? Als die Torian sie ergriffen, warst du es, der mir sagte, sie wären keine Geschwister.“
„Nichts. So ist es. Ich möchte nur die Frage stellen, ob sie nicht genauso gefährlich werden könnte, wie Ihr es von dem Jungen glaubtet.“
Sie überlegte. Sie hatte beide verurteilt, ohne sich um ihre Namen zu kümmern. Aber sie hatte schließlich zweifelsfrei erkannt, wer dieser Junge gewesen war. Daher hatte sie ihn so hart bestraft. Aber wer war das Mädchen? Bestünde eine Möglichkeit, auch wenn sie keine Geschwister waren, dass sie dennoch mit diesem Jungen verwandt sein könnte? Bestünde die Möglichkeit, dass auch sie dem Volk gefährlich werden könnte? Ruhelos klopfte ihr Herz und drängte ihre Schritte weiter vorwärts. Doch eisern blieb sie stehen. Es war nicht angenehm, Fehler zu machen. Aber sie hatte keinen gemacht. Sie konnte immer noch entscheiden. Sie würde die Tatsachen prüfen.
„Ich will, dass du sie findest“, wandte sich die Erzkönigin an Raganir.
Er nickte.
„Und dann wirst du sie überwachen – persönlich.“
Sein Stirnrunzeln zeugte von Erstaunen.
„Ist nicht Euer Schutz von größerer Bedeutung, Hoheit?“
„Du sollst nicht ihr Kindermädchen werden. Sorge dafür, dass sie ausfindig gemacht wird. Ich wünsche herauszufinden, von welcher Familie sie abstammt. Sollte sie mit diesem Jungen auch nur entfernt verwandt sein, wirst du sie hierherbringen. Ich will keine anderen in diese Angelegenheit einweihen. Sieh zu, dass du so wenig Zeit wie möglich fort von hier verbringst.“
„Ich fürchte um Eure Sicherheit, Hoheit“, sagte er ernst.
„Ich auch“, erwiderte sie in einem veränderten Tonfall, von dem sie wusste, wie zerbrechlich er sie wirken ließ. Für Raganir nahm sie ihre Maske ab. Nur für einen kurzen Moment. „Darum musst du sie schnell finden und noch schneller zurückkehren.“
Er nickte, verneigte sich und machte sich durch einen Seiteneingang auf den Weg.
Als einziger Mensch in diesem Palast kannte er ihre Sorgen. Laminea wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte.
Als er fort war, blieb sie allein zurück. Sie ließ die Schultern sinken, ihr Rücken krümmte sich leicht aus der aufrechten Haltung, die sie in Anwesenheit ihrer Untertanen anzunehmen pflegte. Dann schritt sie langsam auf den goldenen Thron zu, schwenkte nach rechts an ihm vorbei und trat hinter ihn.
Der Bereich dort war abgedunkelt. Es war ein kleines Séparée angelegt, in das nur zwei Personen gleichzeitig hineintreten konnten. Darin stand eine Säule aus schwarzem Marmor und darauf ein goldenes Stundenglas, in dem unaufhörlich feiner Sand vom oberen Bereich in den unteren rieselte. Oben war der Sand fast aufgebraucht.

