Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Leseprobe aus "Sharièn - Das Land der verbotenen Märchen"

 

Prolog

Ein ungewöhnliches Flirren erfüllte die windstille Luft, als würde es schneien. Aber dem war nicht so. Abgesehen davon rührte sich nichts in der staubigen Einöde. Nichts bis auf zwei Frauen, die aus der kargen Ebene im Süden gelaufen kamen. Die eine schritt voraus. Die andere folgte ihr auf den Fersen, in einem mutlosen, mechanisch anmutenden Trott, als wären sie lange marschiert, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Nur ein aufmerksamer Beobachter hätte wahrgenommen, dass diese deutlich jünger als die Vorangehende und gerade so dem Kindesalter entwachsen war. Sie hielt einen größeren Abstand zu der Älteren, der das gleiche dünne schwarze Haar um die Schultern fiel wie ihr.
Am Fuß des Berges verhielten sie ihre Schritte. Es war still an diesem Ort. Nicht einmal das Rauschen des nahen riesigen Wasserfalls war hier zu hören. Wie eine gigantische Mauer ragte der Berg vor ihnen auf und verschwand in den Wolken, was seine buchstäbliche Unerreichbarkeit nur noch bekräftigte. Von weitem betrachtet war der Berg an vielen Stellen üppig bewachsen. Hier jedoch nicht. Wo sie Halt gemacht hatten, war das Gestein felsig und schwarz, was daraus schließen ließ, dass es sich um Vulkangestein handelte. An dem Ort, den sie gewählt hatten, ragte der Felsen einige Meter über den Boden hinaus, und es machte den Anschein, ein großes Stück wäre von ihm abgeschlagen worden mit dem Ziel, einen Tunnel durch den Berg zu graben.
Die Ältere kniete sich unter dem Schutz des Felsens nieder und scharrte mit den bloßen Händen ein Loch in die feuchte graue Erde. Mit mühseligem Kratzen arbeiteten sich ihre Finger tiefer in den Grund hinein, bis ihre Ellenbogen in der Mulde verschwanden, um neuen Sand heraufzuholen. Die Jüngere sah ihr schweigend zu. Stocksteif wie ein in Stein gehauenes Bildnis wartete sie aufrecht hinter der Frau und rührte sich nicht. Einzig ihr Schatten folgte dem Lauf der Sonne. Als diese den Zenit überschritten hatte und sich deutlich gen Westen wandte, sodass die Nische ins Halbdunkel getaucht wurde, beendete die Frau ihre Grabearbeiten.
Das Mädchen überreichte ihr ein Bündel, das sie die ganze Zeit über in den Armen gehalten hatte. Von fern war nicht zu erkennen, um was es sich handelte. Etwas Armlanges, Kleines war in ein schmutziges Tuch gewickelt. Die Frau nahm es in ihre erdigen Hände und bettete es behutsam in die Mulde hinein. Dann schob sie die herausgeholte Erde wieder in das Loch. Sie bemühte sich, den Sand darüber in so natürlicher Gleichmäßigkeit zu verteilen, dass es später so aussehen musste, als wäre an dieser Stelle nichts Außergewöhnliches passiert.
Nachdem ihr Werk getan war, erhob sie sich aus dem Sand und trat auf den schwarzen Stein neben die jüngere Frau.

„Unrecht möge vergeh‘n,
Zerfallen zu Staub
Und mit dem Wind verweh‘n.
Möge, der die Saat einst pflanzte,
Zerbrechen am Ende,
Als er auf unseren Gräbern tanzte.“

Die Worte waren in einem leisen Singsang gesprochen, sodass niemand außer der beiden sie hätten vernehmen können.
Andächtig senkten sie die Köpfe und fassten sich gleichzeitig mit den Händen vornüber an den Hinterkopf. Schweigend standen sie in dieser Position, bis die Ältere sich daraus löste. Ihr Blick haftete schwermütig an dem Boden der Nische. Aber es war noch etwas anderes, was ihre Augen enthielten. Hoffnung. Das orangefarbene Leuchten an ihrer Kehle bestätigte dieses innere Empfinden. Und das Wissen, dass der Tod, so allgegenwärtig er war, noch lange nicht vorbei sein würde. Vielleicht dachte sie in diesem Augenblick über die Zahl derer nach, die der Tod sich bereits zu eigen gemacht hatte. Und darüber, wie viele ihnen noch folgen würden.
Liebevoll ertastete sie die Hand des Mädchens und hielt sie fest. Gemeinsam kehrten sie diesem Ort den Rücken und begaben sich in der immer dunkler werdenden Dämmerung auf den Weg zu ihrem Zuhause. Sie sahen sich nicht mehr um. Wieder begann die Luft merkwürdig zu flimmern und etwas rieselte lautlos auf ihre Köpfe herab, was sie hätten für Schnee halten können, wäre er kalt gewesen und wüssten sie es nicht besser.
Der Ascheregen aber war nichts Ungewöhnliches für sie und die kleinen Fetzen, die durch die Luft flirrten, bedeckten ihre zerschlissenen Kleider und blieben an der schmutzigen Haut und dem ungepflegten Haar haften.
„Was hast du dort vergraben?“, fragte das Mädchen, nachdem sie mehrere Stunden gelaufen waren und bevor sie ihr Zuhause erreichten.
„Ich habe nichts begraben“, erwiderte die Ältere und der Blick ihrer Augen war unwirklich in die Ferne gerichtet, als zählte sie die Opfer.

 

83. Tag des Herbstmondes

im Jahr 100

 

1) Maroc
– Das Versteck -

Das Kreischen seines Valtórns machte ihn auf eine Bewegung am Boden aufmerksam. Maroc packte mit der zweiten Hand in das dichte Gefieder, rutschte etwas zur Seite und spähte am Kopf des riesigen Raubvogels vorbei in die Tiefe. Für seine Augen war sie undurchdringlich. Sein Reittier hingegen würde aus dieser Entfernung sogar eine Maus entdecken, sollte eine durchs Gras huschen.
„Verfolger, Ka’ratak?“, flüsterte er, obwohl das Tier ihm kaum eine Antwort geben würde.
Auf das Gespür des Riesenadlers verließ er sich blind. Der Valtórn sackte kreisend einige Fuß in Richtung des dunklen Schlunds hinab, der sich gleich unter ihnen auftun musste. Für den Moment war alles in Ordnung.
Mit jedem Meter, den sie an Höhe verloren, wurde ihm elender zumute, und er fragte sich, ob dieses unwohle Gefühl im Magen jemals verginge. Verbissen versuchte Maroc, seine Übelkeit zu ignorieren, und spähte erneut am Adlerkopf vorbei. In den dunkelgrauen frühen Morgenstunden war der Eingang nur schwer auszumachen. Einen Moment später tat dieser sich unter ihnen als finsteres Loch im Boden auf. Da war er. Der Schlot.
Weiterhin kreisend ließ der Adler sich auf seinen weit aufgespannten Flügeln in die unheimliche Finsternis gleiten. Sie verließen die freie Ebene und tauchten zwischen den Gesteinskrusten ein wie in einen Brunnenschacht, wenngleich dieser hier mehrere Dutzend Meter breit war. Der gewohnte Geruch nach Rauch und Stein empfing ihn und verdrängte das Gefühl der Übelkeit durch die Wahrnehmung des Vertrauten. Zumindest soweit, dass es ihm gelang, sich zu konzentrieren.
Je tiefer sie hinabglitten, desto mehr veränderte sich die Luft. Sie wurde stickiger, abgestandener. Sie schmeckte nach faulen Eiern. Weit unten wurde ein Glimmen sichtbar, das sich verstärkte und nach einigen Augenblicken zu einem goldroten See anwuchs. Er spürte die Wärme auf seinem Gesicht, die ihnen selbst bei einer Entfernung von über dreihundert Fuß entgegen schwebte. Dieser heiße, wenn auch abgekühlte Atem des Vulkans hauchte ihm den Kuss des Feuertodes auf die Haut. Begrüßung und Warnung zugleich.
Dann erreichten sie ihr Ziel. Für Fremde völlig unerwartet erstreckte sich auf ihrer Flughöhe ein vom Magma in den Stein gefressener Seitenarm. Sein Durchmesser zeigte sich ähnlich beachtlich wie der Krater an der Erdoberfläche und letztendlich bildete der riesige Nebenschlot eine versteckte Höhle zwischen den unzähligen Ascheschichten des Vulkans.
Der Valtórn kannte sich gut genug aus, um zu wissen, wo er landen durfte. Zielgerichtet flog er seinen angestammten Platz an, einen wenige Fuß vom Höhleneingang entfernt zentral aufgestellten Felsen. Eine feine Wärme wurde von dem Magma hier heraufgetragen, in der es sich aushalten ließ.
An den Seitenwänden waren Behausungen und Werkstätten in den grauen Stein gehauen. Eine eigene Schmiede, vor der im Halbkreis Lehmöfen das Eisen aus dem Erz heraustrennten, befand sich ebenso unter ihnen wie eine Umzäunung, in der sich Nutztiere bewegten. Sie wirkten recht mager. Fackeln zierten die Außenwände und gaben so der ganzen kleinen unterirdischen Stadt im Seitenschlot Licht in der Dunkelheit.
Sein Kommen wurde erwartet. Viele Männer und einige wenige Frauen verließen ihre Häuser und sammelten sich um den Platz, auf dem sie gelandet waren. Schwungvoll rutschte Maroc über die ausgebreitete Adlerschwinge vom Vogelrücken. Das Tier schüttelte das dunkelbraune Gefieder.
„Wo sind sie, Karuun?“, sprach er ohne eine weitere Begrüßung einen der Männer in der Runde an.
Ein Kopfnicken in Richtung Magmasee war die Antwort.
„Wir haben die Spuren ihrer Reiter beseitigt. Aber die Pardúk sind noch hier. Dort drüben.“ Er deutete auf eine Art Käfig, der augenscheinlich aus der Not heraus und recht provisorisch errichtet worden war, um die gefährlichen Bestien im Zaum zu halten.
Selbst aus dieser Entfernung erkannte Maroc den Blutdurst dieser beiden ausgewachsenen Raubtiere, die Berglöwen ähnelten. Doch sie waren größer und geschmeidiger und mit zwei langen Säbelzähnen bewaffnet. Drohend fauchten sie und peitschten ihre Schwänze um die Gitter.
Maroc wandte sich wieder Karuun zu und wischte sich die vier langen und eng am Kopf geflochtenen schwarzen Zöpfe aus seinem sonnengebräunten Gesicht.
„Ich bringe die Tinkturen“, sagte er und nestelte an einem Säckchen am Gürtel.
Das Klappern in dessen Innern bestätigte den Inhalt von Tongefäßen. Sobald er es losgemacht hatte, hielt er es dem Mann mit Namen Karuun hin.
„Hier. Damit sollten wir die Wunden der Verletzten behandeln können.“
Karuun nahm sie an sich. Er verzog keine Miene, aber Maroc kannte ihn gut genug, um seinen Unmut zu erkennen.
„Ich kann nicht sagen, ob das reicht“, sagte Karuun ernst.
„Ich komme nicht an ausreichend Mittel“, erwiderte Maroc zerknirscht, „ich kann sie nicht sprechen. Es – es ist kompliziert. Ich kann es nicht wagen, jemanden auf unsere Fährte zu locken.“
Karuun wandte sich ab, um das Gebrachte an zwei ältere Frauen zu übergeben, die sich ohne Umschweife zurückzogen. Maroc vermutete, dass sie so schnell wie möglich die Verwundeten damit versorgten, die von den Pardúk angegriffen worden waren.
„Ich kann für den Moment nicht mehr tun. Es tut mir leid“, sagte er und ging neben Karuun her.
„Wären wir darauf angewiesen, dass du uns mit Wasser versorgst, wären wir längst tot“, brummte dieser in seinen ruppigen Bart.
„Dann sei umso glücklicher, dass dem nicht so ist und wir den Durchbruch zum Wasserfall haben“, erwiderte Maroc scharf.
Eine angespannte Pause entstand.
„Wie dem auch sei – es gibt Gerüchte aus den Aschedünen. Angeblich sammeln sie sich am östlichen Hang und planen das Plateau zu erklimmen“, berichtete Maroc.
„Was haben wir damit zu schaffen?“ Unwille, über das Thema zu sprechen, klang aus den Worten des anderen.
Maroc blieb stehen, schwieg und sah seinem Gegenüber in die Augen. Seine Wut spiegelte sich in den schwarzen Pupillen Karuuns und in der Farbe seines Halses.
„Wenn ein Umbruch kommt, dann müssen wir bereit sein. Es ist unsere einzige Chance!“, sagte er mit Bitterkeit in der Stimme.
„Dass du daran nach der langen Zeit noch glaubst!“, spottete sein Gegenüber.
„Wenn du nicht daran glaubst, dann begreife ich nicht, weshalb du dich noch nicht ins Feuer gestürzt hast!“
Karuun trat sehr nah an ihn heran. Er überragte ihn um Haupteslänge und Maroc musste seinen Kopf in den Nacken legen.
„Du bist nicht die Vier, Maroc. Du bist nur ihr Schoßhündchen.“
„Die Vier“, presste Maroc mit unterdrückter Wut hervor, „scheren sich einen Dreck um euch! Ihnen ist es nicht wichtig, ob ihr überlebt. Ob ihr jemals hier herauskommt. Mit bedeutet das allerdings etwas!“
Ihr leiser Streit wurde jäh von anderen unterbrochen.
„Was soll mit den Bestien geschehen, Maroc?“, fragten sie besorgt.
Maroc wandte sich zu ihnen um.
„Wir sollten sie töten. Ich weiß nicht, wozu diese Kreaturen fähig sind, aber es ist zu gefährlich, sie hierzubehalten“, entschied er.
„Ich kümmere mich darum“, brummte Karuun und trat zur Schmiede hinüber, um ein geeignetes Werkzeug für seine Zwecke zu holen.
„Dann hätten wir wenigstens etwas Fleisch“, stimmte jemand nickend zu.
Das erinnerte Maroc an die ausbleibende Lieferung.
„Ich kann den Horst momentan vor Mitternacht nicht verlassen. Ich komme morgen Nacht wieder.“
Er hoffte, dass es kein leeres Versprechen bleiben würde. Die Leute hier brauchten ihn.
Seine Schritte führten ihn weiter, zwischen den rauen Fassaden der Felsenbehausungen hindurch, tiefer in den leicht bergauf verlaufenden Seitenarm des Vulkanschlots hinein. Dutzende Fackeln schienen von den Mauern herunter und züngelten unruhig im Luftzug, der vom Ende des Tunnels kaum spürbar hereinzog. Ihr Flackern verbarg die Risse und Unfeinheiten in den Mauern für die, die nicht hier lebten, und gab der kleinen Siedlung den Anschein eines behaglichen Dörfchens tief versteckt unter der Erde. Doch dieses Bild verblasste für die, die sich davon nicht täuschen ließen und ihre Blicke in die Schatten warfen.
Im Tunnel waren nur wenige Männer unterwegs.
„Wie steht es um das Wasser?“, sprach Maroc einen von ihnen an, der ihm mit einem großen Hund entgegenkam.
Über dem Rücken des Tieres hingen vollgefüllte Wasserschläuche, von denen einer eine tropfende Spur hinter sich herzog.
„Die Umleitung funktioniert tadellos, wie am ersten Tag“, nickte der ihm freundlich zu.
„Das beruhigt mich etwas.“
„Was uns fehlt, ist Nahrung, Maroc“, ergänzte der Mann, „bis auf die paar kläglichen Tiere ist uns nicht viel geblieben.“
„Ich weiß, Karuun hat mir bereits berichtet“, wehrte Maroc mit einer Handbewegung ab.
„Was sagen die Vier?“, wollte der Mann wissen.
„Wir sollen uns gedulden – immer noch. Ich bin damit nicht einverstanden. Es wird jeden Tag schwieriger für mich, nicht entdeckt zu werden“, er merkte selbst, wie unruhig er beim Sprechen nach seiner Waffe tastete, die er nur am Gürtel trug, wenn er hier herunterkam. Die Verantwortung für sein Volk ließ ihn nicht los.
„Unser Können schwächelt, Maroc“, sagte der Mann bedeutungsvoll, „Karuun wird es dir nicht gesagt haben, aber er hat Schwierigkeiten, das Feuer aus dem Magma zu ziehen. Jeder dritte Lehmofen, den er niederschlägt, enthält kein Eisen.“
Maroc nahm ein unangenehmes Kribbeln in seinen Armen wahr, wie eine leise dunkle Vorahnung, die langsam zu seinem Herzen kroch. Bestürzung machte sich in ihm breit.
„Das kann nicht sein, nicht jetzt. Nicht zu dieser Zeit“, murmelte er und sann über den Stand der Jahreszeiten nach. Er irrte sich nicht.
„Du hast Tinkturen und Kräuter gebracht, nehme ich an“, fuhr der Mann fort, „sie werden nicht mehr ausrichten, als wenn ein Mensch sie anwendete. Nicht viel mehr.“
„Bisher ist es gelungen!“, brachte Maroc hervor.
„Bisher hat Karuun auch das Feuer aus dem Magma gezogen. Ich muss gehen.“
Mit einem ernsten Nicken verabschiedete sich der andere und trieb seinen Hund mit der Last zu den vorderen Häusern.
Maroc blieb stehen. Sein Herz raste. Er machte sich nichts vor. Sein Volk hätte an diesem unwirtlichen Ort niemals so viele Jahre überlebt, wenn sie einfache Menschen gewesen wären. Aber versagten ihnen die Kräfte, die sie dringend brauchten, dann waren sie nicht viel mehr als Menschen. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er die aufkeimenden Bilder eines baldigen Untergangs in seinem Kopf nieder. Er durfte es nicht so weit kommen lassen.
Es drängte ihn zurück zu Ka’ratak. Er wollte aufbrechen. Er hatte gehört und gesehen, was er wissen musste.
Schnell und sicher trug sein Valtórn ihn aus der Vulkanwärme nach oben zum Krater und in die frische Nachtluft hinaus. Maroc atmete tief ein, sobald er den Hauch des Windes auf seinem Gesicht verspürte, der den Geruch von feuchtem Gras mit sich brachte. Noch immer war es finster und seine Augen mussten sich eine Weile an die Dunkelheit gewöhnen. Unter dem kräftigen Schlagen seiner Schwingen trug der Riesenadler seinen Herrn zurück zum Horst. Das Tier war in der Lage, das Vielfache der Geschwindigkeit eines Pferdes und selbst eines Pardúk zu erreichen. Und so jagten sie über die schlafenden Dörfer, Felder und Flüsse dahin gen Norden, um vor der Morgendämmerung an ihr Ziel zu gelangen. Maroc legte großen Wert darauf, dass seine nächtlichen Ausflüge in den Schlot unentdeckt blieben. Immer wieder suchten seine Augen den Horizont ab und hielten Ausschau nach der Dämmerung, während der Wind an seinen geflochtenen Zöpfen riss und ihm den Atem nahm. Sein Tier enttäuschte ihn nicht. Bevor der erste Sonnenstrahl sich über dem Meer fernab des Hochplateaus im Osten erhob, entdeckte er die Silhouette des Horstes, die sich nur schwach vor dem Hintergrund der Frostberge abhob.
Der Adlerhorst lag gut versteckt auf einer felsigen Anhöhe am nördlichen Rande des Hochplateaus nicht weit von der Stadt Honestae entfernt.
Der Kopf des Valtórn zuckte plötzlich ruckartig hin und her.
„Was ist, Ka’ratak?“, fragte Maroc alarmiert.
Ein leises Kreischen sagte ihm, dass etwas nicht in Ordnung war. Entgegen seiner Gewohnheit, direkt im Horst zu landen, umkreiste sein Tier ihn zuerst unruhig und ging nur zögernd tiefer.
Da entdeckte Maroc die Gestalt auf der Terrasse neben dem Gehege. Ihr Kopf war ihnen zugewandt. Maroc fragte sich unwillkürlich, ob Felina zurückgekommen war, aber aufgrund der ungewöhnlichen und frühen Stunde verwarf er diese Möglichkeit. Die Gestalt unter ihm entzündete ein Licht und im Schein des blauen Feuers erkannte er die Kutte. Eine steife Falte bildete sich auf seiner Stirn. Es war einer der Vier. Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Er sprach beruhigende Worte und Ka’ratak setzte schließlich zur Landung an. Er kam auf einem großen Baumstamm auf, den er gewöhnlich als Landeplatz wählte und stieß einen Warnruf aus, der sofort alle übrigen Valtórn aus dem Schlaf riss. Ein erregtes Kreischen und Flügelrascheln erhob sich im Horst und Maroc hatte Mühe, die aufgebrachten Tiere zu beruhigen. Mit eindringlichen Worten und beschwichtigenden Gesten versuchte er sein Reittier zu Ordnung zu rufen, denn Ka’ratak war maßgebend für das Verhalten der anderen Vögel. Von Natur aus Einzelgänger hatten sie sich durch die gemeinsame Aufzucht aneinander gewöhnt und Ka’ratak zu ihrem Leittier erkoren.
„Wie ich sehe, hast du sie gut im Griff“, begrüßte ihn der Adept mit feiner Ironie in der Stimme, als Maroc schließlich aus dem Gatter trat und verschwitzt und zerzaust vor seinem Besucher stand.
Er deutete eine Verbeugung an.
„Ich habe Euch nicht erwartet“, erwiderte er.
„Das ist auch nicht deine Aufgabe.“
Abwartend, was der Adept von ihm verlangte, schwieg er.
„Du warst im Schlot?“
„Ja.“
„Berichte!“
„Vor zwei Tagen wurde das Versteck entdeckt. Aber sie sind tot. Ansonsten fehlt es am Nötigsten. Die Kräfte schwinden. Normalerweise unmöglich um diese Zeit!“, kam Maroc der Aufforderung in knappen Worten nach.
Die Kapuze seines Gegenübers war in die Stirn gezogen, sodass die blaue Flamme in dessen bloßen Händen nur seine Lippen und die Nasenspitze erreichten. Trotzdem wusste Maroc, wen er vor sich hatte. Er riss sich zusammen, nicht zu fragen, was er hier zu suchen hatte. Wenn er mit einem der Vier sprach, war es niemals er gewesen. Und niemals hier.
„Wie lange können sie noch überleben?“, kam die Frage durch die strengen Lippen.
„Nicht lange“, und er beherrschte sich wiederum, nicht laut zu werden, bei dem Gedanken, dass seine Worte der Wahrheit entsprachen.
„Es wird sich etwas tun in den Aschedünen, wie ich bereits berichtet habe“, begann er, als der Adept nicht antwortete. „Wir sollten uns ihnen anschließen, wenn sie das Plateau überrennen. Wir benötigen eine Welle, die uns trägt. Und alles weitere könnt Ihr veranlassen. Ihr habt die nötige Handhabe. Wir -“
Doch der Adept ließ ihn nicht ausreden. Mit einem Fingerschnippen, das eine erneute blaue Flamme zustande brachte, schnitt er ihm das Wort ab.
„Richtig, ich habe die nötige Handhabe. Pass gut auf, Maroc. Ich untersage jeden weiteren Flug zum Versteck. Ich –“
„Was?“, entfuhr es ihm ungläubig.
„Ich untersage weiterhin jeden von Ne’nor Honestae nicht genehmigten Flug auf den Valtórn. Und sollte es sich bewahrheiten, dass der Aufruhr in den Aschedünen bedeutendere Züge annimmt, werde ich dich über weitere Schritte unterrichten lassen.“
Marocs helles Glühen an der Kehle hatte sich in ein starkes Rot gewandelt. Er wollte, dass sein Gegenüber sah, wie der Zorn in ihm aufstieg. Doch als hätte der seine Gedanken durchschaut, lächelte er nur müde.
„Spare dir das, Maroc! Die Feuer der Sâras’ski brennen noch. Übe dich in Geduld und Demut, wenn du nicht selbst darin enden willst!“
„Ich bin nicht Euer Handlanger!“, entfuhr es ihm und er packte den Griff seiner Waffe. „Ich werde mein Volk nicht sterben lassen, wenn die Chance so nahe ist, dass wir wieder aufstehen können!“
„Du weißt so gut wie ich, dass dieses Volk sterben wird, selbst wenn wir uns noch einmal über die Menschen erheben. Es ist nur eine Frage der Zeit! Die Kräfte, wie wir sie einst besaßen, werden unsere Nachkommen nicht mehr in sich tragen.“
„Also lassen wir sie im Vulkan elendig verrecken?“, begehrte er auf.
Mit einem schnellen Fingerzeig schoss eine blaue Flamme gegen Marocs Finger, versengte die Haut und schlug ihm das Schwert aus der Hand. Klirrend fiel es zu Boden.
„Hüte deine Zunge, Adlerhüter“, zischte der Adept, „denn mehr bist du hier nicht.“
Nicht mehr.
„Wir brauchten dich, um die Verbindung zum Versteck zu halten, Maroc. Da es diese Verbindung nun nicht mehr geben wird, wirst auch du nicht mehr benötigt.“
Wut und Hass schossen aus der Farbe an seinem Hals und aus seinen Augen. Er war nicht mächtig genug, um sich gegen einen Adepten aufzulehnen. Er hatte keine Chance.
„Was muss ich tun?“, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
Die Lippen verzerrten sich zu einem befriedigten Grinsen.
„Was muss ich tun, damit Ihr unserem Volk eine Chance gebt? Damit ihr nicht wegwerft, was wir seit zwanzig Jahren mit aller Kraft am Leben gehalten haben?“
Der Adept wandte sich ab und es war beinahe ein Wunder, dass er ihn nicht auf der Stelle tötete.
„Es kann nicht Euer Wunsch sein, wie die Menschen zu leben! Ich glaube es nicht. Ich weiß, dass auch Ihr wieder an die Macht wollt! Aber ohne ein Volk seid ihr allein.“
Der Adept verhielt seinen Schritt.
„Es gibt jemanden, der einen Beweis für die Zukunft unseres Volkes gefunden hat“, setzte Maroc nach, „den Beweis, nach dem wir so lange vergeblich gesucht haben. Wenn ich den bringen kann, dann verlange ich Euer Wort, dass Ihr unserem Volk die Chance gebt, die es verdient und auf die es so lange gewartet hat!“
Noch immer stand der Adept abgewandt und ging nicht weiter.
„Wenn wir uns das nächste Mal sehen, Maroc. Dann trägst du diesen Beweis bei dir und die Vier halten Ihr Wort. Falls nicht wirst du in den Feuern brennen.“

 

zu amazon

zurück zum Buch