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Leseprobe aus "Im Bann der Seelenhändler"

 Auszug aus Kapitel 1

 

Leere. Ein unbeschreibliches Nichts, das mich erfüllte. Wie kaltes Blut floss dieses Gefühl durch meinen Körper, pulsierte durch alle Adern und breitete sich gleichmäßig aus. Nach und nach spürte ich ein unangenehmes Frösteln auf der Haut und zupfte unbewusst an den Ärmeln meines Pullovers, um die unerklärliche Kälte zu vertreiben, die aus meinem Innern kam. Es war nicht mein Pullover, sicher nicht, denn er war pink und wirkte an mir wie ein zu groß geratenes Zirkuszelt. Eigentlich war es warm im Zimmer und von draußen schien die Sonne durch das Fenster herein, aber die Kälte in mir ließ sich nicht vertreiben.

Es war nicht gerade ein schönes Gefühl, morgens aufzuwachen, neunzehn Jahre alt zu sein und sich an rein gar nichts aus seinem bisherigen Leben erinnern zu können. Als wäre ich plötzlich da, wie durch Zufall vom Himmel in diese Welt hineingeworfen und hilflos liegengelassen. Ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Doch erstaunlicherweise waren da Menschen, die meinten, mich zu kennen und zu mir zu gehören. Und schlimmer, sie meinten, mich besser zu kennen als ich mich selbst. Das war beängstigend. Vor allem, weil ich mich an keinen einzigen von ihnen erinnern konnte und auch nicht den Wunsch verspürte, mit ihnen so nah bekannt zu sein, wie sie behaupteten.

Die Blumen auf dem Tisch neben mir verbreiteten einen süßlichen Geruch im Zimmer, der meine Gedanken störte. Eine rosafarbene Karte lehnte an der Vase, auf der in verschnörkelter Schrift der Name geschrieben stand, der zu mir gehörte. Ich mochte ihn überhaupt nicht. Wenn ich ihn in meinen Gedanken wiederholte, klang er so falsch und fremd wie alles hier. Auch das Zimmer, in dem ich die letzten Jahre gelebt haben sollte, kam mir unbekannter vor, als es sollte. Wenigstens daran hätte ich mich doch erinnern müssen, schimpfte ich mich innerlich selbst.

Meine Blicke suchten meine rechte Hand, den Mittelfinger, dessen Kuppe fehlte. Sie hatten mir gesagt, der Unfall wäre erst wenige Wochen her, aber die Wunde war schnell und gut verheilt. Langsam bewegte ich den Finger. Er war etwas, das mir merkwürdig vorkommen sollte, mir das Gefühl von etwas Fremden vermitteln sollte, aber erstaunlicherweise tat er das nicht. Das fehlende Glied war das einzige, was mir so bekannt erschien, als hätte ich schon Jahre damit gelebt.

Meine Blicke schweiften aus dem Fenster, von dem aus ich Ausblick auf eine weite grüne Wiese hatte. Im Hintergrund nahm ein Laubwald seinen Anfang. Laut Tante Laura lag unser Haus am Rande eines kleinen Ortes, der zu einem etwas größeren Ort gehörte, der hinter einer kleinen Stadt lag. Ich glaubte, dass der Name Göttingen gefallen war, wo auch immer das lag. Es war irgendwo im Nirgendwo. Wenn ich mir das Zimmer so ansah, konnte ich mir nicht vorstellen, hier zu leben. Auf einem Regal saßen eine Handvoll Teddybären neben einer hübsch zurechtgemachten Puppe, die mich wohl an meine Kindheit erinnern sollten, die ich nach dem Tod meiner Eltern hier verbracht hatte. Warum hatte ich diese Spielsachen nicht längst weggeworfen? Ich nahm mir vor, genau das in den nächsten Tagen zu tun. Irgendetwas störte mich an diesen aufgezwungenen Erinnerungen, für die ich mich jetzt nicht interessierte und die mir so unwirklich erschienen, als wären sie nur da, um die wichtigen Dinge, an die ich mich mit aller Macht zu erinnern versuchte, zu verdecken.

Um mich etwas abzulenken, stand ich auf und ging in meinem Zimmer herum. Irgendwas in mir hoffte, etwas zu finden, an das ich mich erinnern konnte. Eine Kleinigkeit nur, die mir nicht fremd vorkam, die mir selbst bewies, dass das hier wirklich mein Zimmer war, dass ich hier wirklich lebte. Ich zog die Schubladen des Nachttisches auf: ein Spiegel, eine Bürste, ein Krimi. Mehr fand ich nicht. In der Bürste hing kein einziges Haar und das Buch wies keinen einzigen Knick auf. Außerdem fiel mir auf, dass es kein Tagebuch gab. Hatte ich niemals Tagebuch geschrieben?

Da sich immer noch niemand blicken ließ, begann ich damit, die Teddybären und die Puppe vom Regal in den Schrank zu räumen. Ein weiterer Teddy wanderte ganz oben in den Schrank, als sich die Zimmertür öffnete.

„Was machst du da?“, fragte Tante Laura verwirrt, die hereintrat und sogleich meine Aufräumaktion bemerkte.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Aufräumen“, antwortete ich kurz und fügte entschuldigend hinzu, „ich glaube es ist an der Zeit sie wegzuräumen. Es gibt wichtigere Dinge, an die ich mich erinnern möchte.“

Statt Verständnis zeichnete sich Sorge auf ihrem Gesicht ab.

„Wir sind jetzt fertig“, wechselte sie das Thema, „willst du nicht mit rüberkommen? Ich denke, wir haben einiges zu besprechen. Vor allem, wie es jetzt mit dir weitergeht.“

Sie lächelte und wirkte wie ein blonder Engel, der vom Himmel herabgestiegen war, um meine Erinnerungen wieder herbeizuholen. Erst auf den zweiten Blick sprang mir die dicke Make-up-Schicht ins Auge, die ihr vom Solarium gebräuntes, mit winzigen Fältchen bedecktes Gesicht in eine glatte glänzende Maske verwandelte und ihr dieses engelgleiche Aussehen gab. Mein Gesicht war dagegen eher blass. Überhaupt sahen wir uns in keiner Weise ähnlich, obwohl sie die Schwester meiner Mutter war.

„Hallo Madelaine, wie geht es dir?“, kam mir eine nervöse Stimme aus der Küche entgegen, als wir eintraten. Ich wusste inzwischen, dass der junge Mann mit dem bleichen Gesicht, das zu der Stimme gehörte, Thiazi hieß und mein vier Jahre älterer Cousin war. Die Blicke, mit denen seine blauen Augen mich streiften, ließen mich erneut frösteln. Etwas daran berührte mich, als wären wir uns bekannter, als ich es vielleicht aus den Erzählungen der anderen herausgehört hatte und der Gedanke beunruhigte mich.

„Madelaine?“, fragte er erneut, als ich nicht antwortete und in seiner Stimme schwang ein hörbares Zittern mit. Die blonden Strähnen fielen ihm ins Gesicht und er wischte sie mit einer unwirschen Handbewegung beiseite.

Ich lächelte, wich seinem durchdringenden Blick jedoch aus, als ich antwortete. Meine Hände zupften erneut an dem Zelt-Pullover herum. Ich hatte das Gefühl, von seinen Blicken vollkommen durchleuchtet zu werden.

„Gut.“ Ich wusste nicht wohin mit mir. Das Gefühl des Unwohlseins in Thiazis Nähe wurde stärker, je länger ich ihm gegenüberstand. Die Tatsache, dass ich mich hier fühlte, als wäre es sein Haus und nicht meines, ließ mich starr im Weg herumstehen.

„Setz dich doch“, sagte Laura und schob mich zu einem Stuhl.

Sie kannte keine Gnade mit mir, auch wenn sie es sicher gut meinte.

„Dein Zimmer hast du ja bereits gesehen – und sogar angefangen, dich einzurichten.“

Es sollte ein Scherz sein, aber es klang nicht wie einer. Anscheinend war mein eigenmächtiges Handeln nicht in ihrem Sinne gewesen.

„Um dir einen neuen Start zu ermöglichen, habe ich es für das Beste gehalten, dich an einer anderen Schule anzumelden“, begann sie.

„Wozu?“, entfuhr es mir.

„Da wir nicht wussten, wie lange du nach dem Unfall aussetzen musst, wurde dir in der alten Schule kein Platz freigehalten. Wir wussten nicht einmal, ob du überhaupt wieder zur Schule gehen kannst.“

Ich wartete ab.

„Du bist ja zum Glück bei bester Gesundheit, die Erinnerungen werden schon zurückkommen, sobald du wieder einen geregelten Alltag hast. Mach dir darüber keine Gedanken. Du wirst jetzt erstmal mit dem Abitur anfangen“, plätscherte ihre Stimme weiter.

Mit der 10. Klasse war ich also fertig. Ich konnte mich nicht an ein einziges Fach erinnern, nicht an eine einzige Frage, die ich zu irgendeinem Fach beantworten könnte. Wie sollte ich so das Abitur machen? Was erwarteten diese Menschen bloß von mir?

„Thiazi kann dich sogar mit dem Auto mitnehmen. Das hat er früher schon oft gemacht. Er arbeitet ganz in der Nähe bei der Polizei.“

Ein kurzer Blick auf meinen Cousin zeigte mir, dass es ihm deutlich besser gefiel als mir, jeden Morgen mit mir zusammenzufahren. Er war also Polizist.

„Wie kann es sein, dass sie keinen Platz mehr haben, wenn …“, begann ich, aber Thiazi unterbrach mich mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

„Ich fahre dich natürlich zur Schule. Vielleicht kann ich dich nachmittags sogar wieder mitnehmen.“

Abermals fuhr er sich mit der Hand durch die blonden Haare.

„Aber wenn ich nur einen Reitunfall hatte, wieso …“, doch sie würgten meine Frage abermals ab.

Mit seinem Lächeln und Lauras pausenlosem Geschnatter über notwendige Einkäufe wurde jede Nachfrage von mir prompt erstickt. Ich fühlte mich bevormundet wie ein kleines Kind und die Sache mit der neuen Schule erschien mir merkwürdig. Auch, dass von ihnen keine Information über den Unfall zu bekommen waren, machte mich stutzig. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das die ganze Wahrheit war.

Ich konnte, nein, ich wollte mir einfach nicht vorstellen, dass ich heute und hier aufgewacht war und jetzt mit diesen Leuten zusammen in einem Haus leben musste. Ich konnte doch unmöglich so blöd gewesen sein und mein Leben wegen eines lächerlichen Reitunfalls auf den Kopf gestellt haben.

Als es Abend wurde, ließen sie mich endlich in mein Zimmer gehen. Müde und erschöpft öffnete ich den Kleiderschrank, um nach einem Shirt für die Nacht zu suchen. Ich packte das erstbeste und faltete es auseinander. Es sah neu aus. Ich nahm das zweite. Auch neu. Resignierend ließ ich beide Shirts zu Boden fallen und ging ins Bad, das direkt an mein Zimmer angrenzte. Es war zwar klein und mit braunen Fliesen ausgelegt, aber wenigstens hatte ich es für mich allein, wofür ich im Augenblick sehr dankbar war.

Mit beiden Händen fuhr ich durch mein Gesicht und rieb meine Augen. Vielleicht brauchte ich einfach eine Nacht Ruhe und Schlaf. Vielleicht sah der Tag morgen schon ganz anders aus. Vielleicht wachte ich auch einfach wieder ganz woanders auf und dieser Albtraum hier entpuppte sich tatsächlich nur als ein wirrer Traum meiner strapazierten Nerven.

Ich zog den Zeltpullover über den Kopf und warf ihn achtlos auf den Boden, Jeans und Unterwäsche flogen hinterher. Mit zwei Schritten war ich in der Dusche, aber plötzlich stutzte ich und trat noch mal zurück. Ich war an einem schmalen Spiegel vorbeigehuscht, eigentlich war es eine Reihe von Spiegelfliesen, die sich neben der Dusche im Zickzack vom Boden bis zur Decke zogen. Aber was mich irritiert hatte, waren nicht die Fliesen, sondern mein Spiegelbild. Ich war mir natürlich im Klaren darüber, wie ich aussah. Ich wusste, dass ich schlank war, nicht sehr groß, eigentlich recht zierlich. Ich war mir meines blassen schmalen Gesichts bewusst, in das die leicht gelockten braunen Strähnen fielen, durch die sich ab und an eine viel hellere zog. Ich wusste auch, dass mir am Mittelfinger der rechten Hand die Kuppe fehlte und dass sich über Hals und Schlüsselbein je eine sehr dünne lange Narbe zog, die glücklicherweise nicht sehr auffällig waren. Was ich aber nicht wusste, war, dass ich eine Tätowierung besaß. Auf der rechten Bauchseite, unterhalb des Nabels, streckte sich eine schwarze Zeichnung über die Haut. Erst bei näherem Hinsehen erkannte ich darin einen Schmetterling. Er war von der Seite zu sehen, aber seine Flügel wirkten wie aufwallender Nebel, der in Fetzen auseinanderglitt, als wenn Sturm sie zerreiße. Es war kein Schmetterling in klassischer Anmut und mit hübschen Mustern. Die Zeichnung auf meiner Haut strahlte etwas Unheimliches aus. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein schwarzer Schmetterling.

 

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